Rundgang: Die doppelte Anna

Als „Meran des Waldviertels“ wird die Marktgemeinde Pöggstall bezeichnet. Die Lage knapp unter 500 m im oberen Weitental begünstigt den Ort klimatisch, was dieses Attribut durchaus rechtfertigt. Keine der fünf in unserem Buch „Wandern im Waldviertel“ zu diesem Ausgangspunkt vorgeschlagenen und beschriebenen Wanderungen beginnt oder endet direkt in Pöggstall – was die Runde, die wir im Ort machen, zu einer speziellen Miniwanderung und Besichtigungstour werden lässt.

Auf dem Hauptplatz stehen wir vor der mächtigen Schlossanlage neben der Ortskirche St. Anna. Durch das vorgelagerte Rondell wenden wir uns gleich hinauf zum Schlossteich, der noch mit Schilfpflanzen überwuchert ist und einer Neugestaltung entgegensieht. Wir gehen die kleine Promenade weiter, um durch einen Gitterzaun auf die Alte Poststraße zu gelangen. Dieses Teilstück wurde von Joseph Weber Edler von Fürnberg (1742–1799) als Postweg zwischen Melk und Gutenbrunn angelegt. Weiter bergwärts kann man noch die originale Straße mit gewölbten Brückenteilen und das Schwedenkreuz besichtigen.

Wir wenden uns aber links zur Straßenkreuzung. An der Ecke befindet sich das ehemalige Poststationsgebäude, wo heute die Schloss-Taverne „zum Goldenen Hirschen“ zu finden ist. Wir gehen den Tavernplatz Richtung Rondell vor, setzen aber in der Badgasse nach rechts fort, wo auf Nr. 8 zwischen 1450 und 1654 das erste Schulhaus einquartiert war. Nach einem Gasthaus folgen wir einem Pfeil mit der Angabe „Rundwanderweg St. Anna Nr. 62“.

Beim Lagerhaus biegen wir links ab, gehen an einer großen Lagerhalle vorbei und durch einen Busparkplatz zur Mandlgupfstraße vor, die auf den Weitenbach zuläuft. Am Freibad und am Campinggelände entlang führt die Straße zu einer Gärtnerei. Bei den hinteren Privathäusern schlängelt sich am obersten Haus links ein Pfad zur Annakirche vorbei. Nach einem kurzen, markanten Aufstieg erreichen wir die Anhöhe der Kirche St. Anna im Felde und den sie umgebenden Friedhof durch das westliche Tor der Einfriedung und stehen unmittelbar vor dem Grabstein des blinden Bauern unter einem gewaltigen Efeubaum.

Der hier bestattete Mann soll durch eine Verletzung schon in jungen Jahren das Augenlicht verloren haben, war aber musikalisch begabt und eignete sich die Fähigkeit an, Orgel zu spielen. Während einer Messe in der Schlosskirche im Jahr 1929 ereilte ihn dann am Instrument der Tod.

Wir gehen links herum und gelangen gleich ins Innere des Sakralbaus, der nur Samstag, Sonntag und Feiertag geöffnet ist. Der Chor birgt einen dreiteiligen neugotischen Hochaltar mit vergoldeten spätgotischen Relieffiguren von fünf heiligen Frauengestalten von ca. 1480. An der Nordwand erkennt man Freskenreste mit Szenen aus der Leidensgeschichte Jesu.

Im Hauptschiff fällt rechts vorne das Grabmal des Georg Ehrenreich Freiherr von Rogendorf (gest. 1590) auf – Sarkophag und Epitaph mit üppigen Reliefs. An der Südwand schließen Marmorgrabsteine anderer Rogendorfer an.

Am Friedhof stehend betrachten wir noch auf der äußeren Ostwand ein Fresko. Es stellt Christus am Ölberg dar und stammt etwa aus dem Jahr 1500. Bemerkenswert ist im Hintergrund die gotische Klosteranlage, die an Stift Melk erinnert, das zu dieser Zeit noch gar nicht erbaut war.

Wir verlassen den Friedhof und lassen im Zurückblicken noch den Bau auf uns wirken.

Interessant ist das Bruchstückmauerwerk, das an allen Seiten von Strebepfeilern gegliedert wird. Der gotische Chor des Nachfolgebaus einer bereits 1140 geweihten Kirche ist um 1330 entstanden. Auffällig ist der gedrungene Turm mit Satteldach, das jenes des Langhauses nicht überragt.

Über den Parkplatz gehen wir auf dem St.-Anna-Weg die Stationen des Millenniums-Kreuzwegs entlang in den Ort zurück. Dort wenden wir uns durch die Sparkassenstraße auf das Ortszentrum zu. In der Siegfried-Ludwig-Straße kommen wir rechts gewendet zu einer Stiege und einer Hauspassage und treten danach auf den Hauptplatz hinaus. Damit stehen wir wieder vor dem zentralen Gebäudekomplex der Gemeinde.

Nun besuchen wir die Pfarrkirche St. Anna im Ort, deren groß dimensioniertes Christophorus-Fresko von ca. 1510 an der Südwand auffällt. Der spätgotische Hallenbau entstand um 1480 als Sankt-Gilgen-Kirche. Der Flügelaltar von 1490 thematisiert die Passion Christi. Besondere Juwele sind auch die Seccomalereien von ca. 1500 auf der Westempore und die Ratsherrenstühle.

Spätestens jetzt stellen wir mit Verwunderung fest, dass es zwei Annakirchen in Pöggstall gibt: 1810 wurde nämlich unter Kaiser Franz I. die Schlosskirche zur Pfarrkirche erhoben und der heiligen Anna geweiht. St. Anna im Felde wurde aufgelassen, ausgeräumt und dem Verfall preisgegeben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg lebte die Feldkirche wieder auf, wurde bestückt und restauriert.

Abschließend sollten wir uns noch ausreichend Zeit nehmen, das Schloss Pöggstall zu besuchen. Dieses Bauwerk kann auf etwa 750 Jahre Baugeschichte zurückblicken. Von 1478 an gehörte das schon 200 Jahre zuvor als Wasserburg entstandene Anwesen der Familie Rogendorf, die es als Residenz ausbaute, u. a. mit der vorgelagerten charakteristischen Rundbastei, die 1530 nach Albrecht Dürers Architektur- und Befestigungstheorien entstanden ist und als Waffenlager und Stallung diente. Erst 1601 wurde das Schloss weiterveräußert. Seit 1986 ist es Eigentum der Gemeinde.

In den Räumlichkeiten, die den Arkadenhof säumen, kann man sich im Museum für Rechtsgeschichte (April bis November täglich außer Mo) über historische Todesstrafen und Methoden der Hinrichtung informieren und die einzige im Original erhaltene Folterkammer Österreichs aus dem Jahr 1593 aufsuchen. Die Sonderausstellung im Rondell präsentiert die Baugeschichte des Gebäudekomplexes über die Jahrhunderte interaktiv.

Einer lokalen Größe ist ein neu gestalteter Ausstellungsteil gewidmet: Franz Traunfellner (1913–1986) ist als künstlerisch begabter Landwirt vor allem durch seine stimmungsvollen Holzstiche und -schnitte bekannt geworden. Daneben schuf er aber auch Zeichnungen, Radierungen, Lithografien und Aquarelle.

Weitere Details über die Ortsrunde in Pöggstall entnehmen Sie unserem Buch „Wandern im Waldviertel“.

Nach und nach werden Sie in unserem Blog kurze Beschreibungen der Wanderungen aus unserem Buch sowie diverser Wandererlebnisse finden. Schauen Sie also öfters bei uns vorbei!

Folgende fünf Touren benützen Pöggstall als Ausgangspunkt:

Über den Ostrong. Aufstieg auf den Großen und Kleinen Peilstein

Tief durchatmen! Im „Inhalatorium“ – und rund um den Ochsenstrauß

An der Holzschwemme. Durch den Weinsberger Wald in die Ysperklamm

Weg der Giganten. Von den Steinen bei Bad Traunstein durchs Kremstal nach Ottenschlag

Waldviertel mit Donaublick. Im Naturpark Jauerling-Wachau

Viel Vergnügen beim Wandern! (shaw)


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